„Weil’s halt grad so in ist“



Fremdschämen 2019

Ein Kommentar zur Gemeinderatssitzung vom 14.03.2019

von Harald Godron

Haben Sie sich schon einmal fremdgeschämt? Waren Ihnen schon einmal Äußerungen oder Handlungsweisen einer bekannten, geachteten, vielleicht sogar vertrauten Person dermaßen peinlich, dass sie am liebsten laut aufgeschrien hätten, das Wort ergriffen hätten? „Stopp jetzt! Halt, so kann man das doch nicht sagen, nicht machen!“, möchte man in diesen Momenten in alle Welt hinausposaunen – und tut es nicht. Weil man sich schämt! Oder weil man nichts sagen darf! Weil man kein Rederecht hat. Z. B. als Zuhörer in der Gemeinderatssitzung im Wiesentheider Rathaus am Donnerstagabend. Was war geschehen?

366 Tage vor der nächsten Kommunalwahl am 15.März 2020 hatten sich wieder einmal unsere gewählten Volksvertreter im Sitzungssaal versammelt. Und wieder einmal waren sie aufgerufen, mit Sinn und Verstand miteinander zu debattieren, Beschlüsse zu fassen und Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die dem Wohl unserer Gemeinde dienen, Beschlüsse, die dem Ansehen der Ratsmitglieder und der Marktgemeinde in der Öffentlichkeit alle Ehre machen!

Was aber die zahlreichen Zuhörer gegen Ende der öffentlichen Versammlung erleben und hören mussten, das trug nur dazu bei, dass man sich abgrundtief schämen musste, fremdschämen also. Für die menschenverachtende, unbedachte Wortwahl eines an sich doch durchaus geachteten, geschätzten Kommunalpolitikers. Und für das Abstimmungsverhalten der Mehrheit des Wiesentheider Gemeinderates an sich!

Ausgangspunkt für diese blamable Vorstellung war der Vortrag eines Wiesentheider Bürgers. Er stellte den Gemeinderäten dar, dass in Würzburg am Hauptbahnhof ein Gedenkort für die jüdischen Mitbürger aus Unterfranken errichtet werden soll, die während des Dritten Reichs von Würzburg-Aumühle aus in die Vernichtungslager deportiert worden sind. Nun sind die unterfränkischen Städte und Gemeinden gebeten worden, einen solidarischen Beitrag zur Finanzierung dieses Gedenkortes zu leisten. Die Wiesentheider Gemeinderäte mögen also bitte auch darüber beraten, ob sie – wie so viele andere Kommunen in Unterfranken – sich finanziell an diesem Mahnmal beteiligen möchten, mit einem Betrag zwischen 500,- und 1000,- Euro.

Nun könnte man einwenden, in Wiesentheid hätten doch in diesen dunklen Zeiten unserer Geschichte gar keine jüdischen Familien mehr gelebt. In Prichsenstadt oder Altenschönbach schon, freilich, aber doch nicht in Wiesentheid. Weshalb also sich beteiligen an solch einem Mahnmal, wo doch gar keine jüdischen Mitbürger*innen aus Wiesentheid über Würzburg in den fast sicheren Tod deportiert worden sind?

Für die Gemeindevertreter der Freien Wähler und Bündnis90/Die Grünen spielte das Gott sei Dank jedoch keine Rolle. Mit wenigen Blicken war man sich einig, dass man einen derartigen solidarischen Beitrag in dieser Höhe durchaus befürworten würde.

Jetzt aber ergriff der Sprecher der Mehrheitsfraktion im Gemeinderat das Wort. Ein Kommunalpolitiker, der auf Landesebene langjährige Erfahrungen in parlamentarischen Debatten gesammelt hatte. Dessen christlich-soziale Gesinnung ihm Respekt und Ansehen weit über die Wiesentheider Gemarkungsgrenzen hinaus verschafft hatte. Dessen Wort Gewicht hatte und hat, in München wie in Wiesentheid gleichermaßen. Der aber auch in seiner parlamentarischen Vita gelernt haben sollte, was die Kraft der Worte bewirken kann. Der sich der Sprachgewalt genauso bewusst sein sollte wie der Gewalt der Sprache.

Unverständlich ist mir nun, wie genau dieser Politiker also seine Bedenken äußerte. Seine Ausführungen, in der Sache durchaus diskutabel, endeten mit der Aussage, er stehe der Bewilligung eines Solidaritätsbeitrags der Gemeinde Wiesentheid zu diesem geplanten Gedenkort eher ablehnend gegenüber. Als Begründung führte er wortwörtlich an, man könne doch einen derartigen finanziellen Beitrag für ein solches Denkmal nicht beschließen, „weil`s halt grad so in ist“, solche Mahnmäler zu errichten. Es fehle der historische Bezug zu Wiesentheid!

Da traute man als historisch und demokratisch gesinnter Zuhörer seinen Ohren nicht. Entsetzen im Publikum! Fremdschämen war angesagt! Die erboste Wortmeldung eines Gemeinderates brachte die berechtigte Empörung vieler Ratsmitglieder über diese unachtsame Wortwahl auf den Punkt. Er verwehre sich mit aller Entschiedenheit gegen eine derartige menschenverachtende Ausdrucksweise seines Gemeinderatskollegen!

Als Zuhörer jedoch war man zum Stillschweigen verurteilt. Konnte seine Wut über den zu Ohren gekommenen Sprachmissbrauch nur in sich hineinfressen. Denkmäler werden grundsätzlich nicht gebaut, einfach nur „weil`s halt grad so in ist“! Und Mahnmäler, die an die menschenverachtenden Umgangsformen der Nationalsozialisten gegenüber Mitbürgern jüdischen Glaubens erinnern, werden erst recht nicht gebaut, „weil`s halt grad so in ist“! Wenn überhaupt etwas „gerad so in ist“, dann ist es die Art und Weise, wie sich landauf, landab manche Politiker, die sich als selbsterklärte Alternative für Deutschland empfinden, verharmlosend über die Gräueltaten während der deutschen Vergangenheit äußern. Da mögen diese Gesinnungsträger augenblicklich zum Glück noch nicht in den Gemeinderat hineingewählt worden sein, aber muss deshalb ihre Sprache schon Einzug im Wiesentheider Sitzungsaal gehalten haben?

Und wie kann man als gebildeter, geachteter Lokalpolitiker aus Wiesentheid als Begründung für die Ablehnung anführen, es fehle der historische Bezug zum Heimatort? Als wäre Wiesentheid in diesen Tagen zwischen 1933 und 1945 ein Hort der Glückseeligen gewesen, in dem es keinen Antisemitismus gegeben habe, nur weil in unserem Ort keine jüdischen Familien gelebt hätten, keine jüdischen Familien aus Wiesentheid deportiert worden wären. Ist es, wollte man den geschätzten Gemeinderat in diesem Minuten gerne fragen, nicht vielmehr so, dass auch die Prichsenstädter und Altenschönbacher jüdischen Familien sehr wohl Kontakte und Bezüge zu Wiesentheid gehabt haben dürften. Vielleicht hatten sie hier Freunde, Arbeitskollegen, sind hier bei Kaufleuten einkaufen gegangen. Sie haben doch in einem historischen Raum gelebt, und zu diesem hat Wiesentheid genauso gehört wie die umliegenden Städte und Gemeinden!

Es gibt zudem auch historisch belegbare Gründe, warum eine solidarische Bezuschussung des angedachten Denkmals in Würzburg wünschenswert wäre: So war beim Novemberpogrom am 10.November 1938, der sog. „Reichskristallnacht“, der SA-Sturm 7/11 aus Wiesentheid an den Aktionen gegen jüdische Mitbürger in Prichsenstadt und Altenschönbach beteiligt. Und es waren Polizeibeamte aus Wiesentheid, die am 22.04.1942 sieben Juden aus Prichsenstadt zu Fuß und mit der Bahn nach Würzburg zum Deportationssammelpunkt Aumühle begleiteten. „Genügt Ihnen, Herr Gemeinderat, das nicht als historischer Bezug?“, hätte man gerne gefragt? Durfte man aber nicht! Zuhörer haben in diesem Gremium kein unaufgefordertes Rederecht. Es muss aber die Frage erlaubt sein, wie man es mit seinem christlich-sozialen Gewissen und seinem historischen Geschichtsbewusstsein vereinbaren kann, gegen eine finanzielle Beteiligung an einem solchen geplanten Mahnmal zu stimmen? Zumal der angedachte Zuschussbetrag die Finanzlage der wirtschaftlich prosperierenden Gemeinde Wiesentheid nicht nachhaltig in Schieflage gebracht hätte. Die nachträgliche Begradigung des Neßtfellplatzdenkmals mit Hilfe eines kostenintensiven Sockels war der Mehrheit des Gemeinderates in der Vergangenheit doch auch einen wesentlich höheren Zuschussbetrag wert! Und jetzt erscheinen 500,- bis 1000,- Euro als zu viel?

Man hätte als entsetzter Zuhörer dieser Gemeinderatssitzung das Fremdschämen rasch beenden können, wenn dann in der anschließenden Debatte über den Zuschussbetrag und die damit verbundene – im wahrsten Wortsinne – unbedachte Äußerung noch überzeugend entschuldigt, relativiert und entkräftet worden wäre. Nichts dergleichen geschah! Stattdessen wurden dann bei der Abstimmung über den Zuschussantrag die politischen Machtverhältnisse im Gemeinderat wieder einmal mehr als deutlich demonstriert: Gegen die Stimmen von den Freien Wählern und Bündnis90/Die Grünen wurde der Antrag auf finanzielle Beteiligung am Denkmal in Würzburg abgelehnt. Da konnte sich ein neben mir sitzender Zuhörer nicht länger zurück halten: „Schämt`s euch!“ schleuderte er den getreuen Parteigängern der Mehrheitsfraktion entgegen. Vielen anderen Zuhörern blieb nichts anderes übrig, als sich im Stillen weiterhin fremdzuschämen über die Haltung dieser Wiesentheider Volksvertreter!

Ich persönlich möchte mich zum Schluss noch dem Appell von Maxi Schafroth, dem neuen, jungen Salvatorredner auf dem Nockherberg in München anschließen. Er hat am 12. März 2019 nach seiner Rede beim Starkbieranstich in einem Nachtrag, der an die AfD-Anhänger gerichtet war, gesagt, er wünsche, dass „Licht in ihre Herzen komme“, denn „wer nicht verstanden hat, dass es auf dieser Welt nur im Miteinander funktionieren kann, der hat nichts verstanden, der hat aus der Geschichte nichts gelernt“. Diesen Wunsch kann man getrost auch an den oftmals mehr als zerstrittenen Gemeinderat in Wiesentheid richten. Beweist in Zukunft alle gemeinsam, dass ihr etwas aus der Geschichte gelernt habt! Arbeitet noch viel häufiger miteinander daran, das Ansehen und das Wohl unserer Gemeinde würdevoll und sprachlich achtsam zu vertreten. Und das nicht nur, „weil`s halt grad so in ist“! Fremdschämen braucht sich dann in Zukunft keiner mehr für euch!

Nachtrag:

Auch wenn der Wiesentheider Gemeinderat zunächst die Bitte um Bezuschussung des geplanten Gedenkortes in Würzburg mehrheitlich abgelehnt hat, kann man – und das nicht nur als Wiesentheider Bürger*in – ein Zeichen setzten, dass man anders entschieden hätte.

Mit einer Spende an den

DenkOrt Aumühle e.V.  ( DE86 7905 0000 0048 5429 22 )

kann man unter Angabe des Verwendungszweckes:

Wiesentheid unterstützt Gedenkort Aumühle

einen finanziellen Beitrag zu diesem Mahnmal leisten. Der gesammelte Betrag wird dann im Rahmen einer Veranstaltung an die Verantwortlichen für die Gestaltung des Gedenkortes übergeben werden. Eine Spendenquittung kann ausgestellt werden.

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1 Kommentar

  1. Frank Hufnagel

    Was vielleicht übersehen wird und worauf ich hinweisen möchte, betrifft die Rolle des Vorsitzenden, unseres Bürgermeisters. Ich denke, es liegt durchaus in seiner Verantwortung, derartige Fehltritte zu verhindern, indem er sich im Vorfeld solcher Entscheidungen um vernünftige Beschlüsse bemüht. Er ist doch bei der Fraktionssitzung anwesend, kennt die Anträge und kann dementsprechend Einfluss nehmen. Das hat er hier versäumt!

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